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Faust ohne WortePantomimeClownerieTanz und Gesang
   
Berichte von der Presse.

Goethes Faust stumm: genial
Quelle: Rheinische Post, Mai 2009, Text: Monika Klein, Bild: UM

Das literarische Meisterwerk ohne Text - verrückt? Vielleicht. Aber auch genial. Den bezaubernden Beweis trat am Wochenende ein internationales Ensemble unter Leitung von Schauspieler Tom Quaas an. Welturaufführung.

Goethes Faust stumm: genialLEVERKUSEN Da geht doch tatsächlich einer hin, knüpft sich die wohl bekannteste, meist zitierte Tragödie des deutschen Sprechtheaters vor und streicht einfach den kompletten Text. Verrückt - und genial! Wie perfekt das funktionieren kann, erlebten am Wochenende die Zuschauer im Bayer Erholungshaus. Dort wurde "Faust sans Paroles" nicht nur uraufgeführt, bevor die Produkt ion in die ganze Welt gehen soll. Unter diesem Dach fanden auch die entscheidenden letzten Proben statt, denn der Dresdner Schauspieler Tom Quaas, der sich diese Art der Darstellung ausgedacht hat, vereinte dazu ein inter nationales Ensemble. Sprachprobleme hatte das nicht, wie man sich leicht denken kann.

Die mächtige Wirkung der Bilder

Und wie mächtig Bilder sein können, was sie - auch zwischen den szenisch übersetzten Zeilen - alles mitteilen, das erstaunte das begeisterte Publikum, das sich zur öffentlichen Generalprobe am Freitag eingefunden hatte. Diesen Zusatztermin hatte die Kulturabteilung Bayer kurzerhand anberaumt, weil die langfristig für Samstag geplante Premiere wegen der Pyro Garnes im Neulandpark nicht stattfinden konnte, sondern erst gestern.

Wahrscheinlich wurde noch bei keiner Faust-Interpretation so viel gelacht und gestaunt wie in dieser sprachlosen Variante, die aber keineswegs die angemessene Ernsthaftigkeit vermissen ließ. Es gab Clownerie, ja, aber nicht Klamauk. Und an den humorvollen Stellen brach sich jeweils die zuvor aufgebaute Spannung. Tom Quaas, der unter anderem eine Ausbildung im französischen Zentrum für nationale Zirkuskunst "Centre National des Arts du Cirque" absolvierte, hat für diese Inszenierung alle Register dieser Kunstgattung gezogen. Er vereinte Pantomime mit Clownerie, Tanz und Gesang, arbeitete mit Licht und Illusionen, mit Symbolik und nicht zuletzt einer Musik, die jene Stimmung unterstreicht oder ergänzt.

Die Musik kam aus dein Orchestergraben, der Aufmarsch der Musiker war Teil der Inszenierung. Zuweilen wurde deftig aufgespielt im Stil der alten Wandertheater, dann wieder emotional, oder die Instrumente wurden lautmalerisch eingesetzt wie im Hörspiel. Auf der ühne wurde dazu gezaubert und bezaubert. Wunderschöne und eindrucksvolle Bilder haben sich da im Gedächtnis festgesetzt. Etwa die poetischen Spiele mit den Naturgewalten, die Quaas beherrscht, als habe er mit Mephisto einen Bund geschlossen. In Wirklichkeit natürlich nur mit der Bühnentechnik, die ermöglichte, dass Personen plötzlich in der Luft schweben oder sich ein schlichtes rotes Tuch zum Feuer bläht. Der bekannte Inhalt wurde mit Personen, Mimik und Gestik erzählt und zugleich interpretiert.

Das Buch an sich spielt eine tragende Rolle in diesen zwei Stunden. In allen Größen ist es Hauptrequisit und Bühnenbild, das fantasievoll variiert wird. Ein Geniestreich.


Schöner, poetischer Klassiker
Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger, Nr. 119, Montag, 25. Mai 2009, Text: Frank Weiffen, Bild: Britta Berg

Im Erholungshaus spielt der Dresdner Theaterzirkus "Faust sans paroles"
Regisseur Tom Quaas schafft es und bringt das vielleicht größte Stück deutscher Literatur als Pantomime auf die Bühne: "Faust sans parole" des Dresdner Theaterzirkus feiert in Leverkusen seine Uraufführung.

Schöner poetischer KlassikerDas hehre Unterfangen, es ist in jeder Hinsicht gelungen. Denn was nach der Uraufführung des Stückes "Faust sans paroles" im Erholungshaus zurückbleibt, ist nicht nur die Gewissheit, dass man das vielleicht größte Stück deutscher Literaturgeschichte tatsächlich "ohne Worte" präsentieren kann. Zurück bleibt auch Begeisterung über das Spiel dieses Ensembles: Von der ersten Szene an ist das pantomimische Spiel des Theaterzirkus Dresden ein Feuerwerk der Mimik, Maskerade, Clownerie. Selten war der "Faust" so schön, so poetisch zu sehen.

Schon der Einstieg verführt zum Schmunzeln: Gott, der Herr mit Löckchen und Heiligenschein, stapelt Buch um Buch aufeinander, um sich zu erhöhen, während Mephisto bucklig um ihn herumschleicht. Es kommt zur Wette um Faust, der wüst grimassierend und mit wirrem Haar schwer an den Büchern der Medizin, Juristerei, Naturwissenschaft und Religion zu schleppen hat. Orientierungslos stolpert er über die Bühne, gehetzt von den bösen Geistern seiner nach allumfassendem Wissen gierenden Seele. Mephisto sieht er als hechelnden, schwarzen Pudel, der sich unter wildem Zucken verwandelt - und fortan mit Faust durch eine Welt voll Wahnwitz zieht.

Studenten haben Bücher auf den schmalen Rücken geschnallt und werden von Mephisto über die Bühne gejagt. Zerrissenes Papier fliegt durch den Raum. Marthe ist eine dicke, lüsterne Wuchtbrumme mit knallrotem Kussmund, die unter mehreren Kleiderschichten steckt und schwerfällig über die Bühne stakst. Gretchens Bruder Valetin kommt als Revolverheld daher, der seine 'Widersacher mit imaginären Maschinengewehren und Pistolen malträtiert, eine auf die Bühne geholte Mischung aus Lucky Luke und Jesse James. Ehrliches Lachen tönt durch den Saal. Und doch warten alle auf die Gretchenszene.

In ihr offenbart sich letztlich auch die ganze Großartigkeit dieser Inszenierung von Regisseur Tom Quaas: Fordernd hält sie Faust die Bibel hin, während sich hinter ihr nach und nach ein aus riesigen Büchern geformtes Kreuz aufbaut, vor dem sie als schwangere Sünderin schließlich niederkniet, ehe Gevatter Tod sie holt und zu den anderen verdammten Seelen mitnimmt.

Es ist gerade diese optische Dramatik, die "Faust sans paroles" so beeindruckend macht und nicht eine Sekunde lang an Klamauk gemahnt. Im Gegenteil: Quaas' Stück ist ein Paradebeispiel dafür, was Clownerie im Stile des französischen "Theatre du soleil" oder der italienischen Comedia bewirken kann: den reinen Kunstgenuss.


Ohne Worte
Quelle: Dresdner Nachrichten, Montag, 6. Juli 2009, Text: Torsten Klaus, Bild: HL Böhme

Im Palais im Großen Garten kommt ein äußerst geballter "Faust" auf die Bühne

Ohne WorteBücher spielen die Hauptrolle. Was für ein pantomimisches Stück entweder absurd oder phänomenal anmutet. In diesem Fall absurd phänomenal. Denn die Bücher sind das Multi-Requisit in Tom Omas' "Faust"-Inszenierung. Ob als Sitze, Podeste, Tische, Schatullen, Kisten, Särge, als Waffen bei einer Prügelei oder zu einer Kreuz-Skulptur geformt, dominieren sie das Bühnenbild auf physischer und metaphorischer Ebene. Ach ja, und als Studienobjekte dienen sie ganz nebenbei auch noch.

Bücher spielen natürlich nicht die Hauptrolle. Dafür bietet die Besetzungsliste zu tiefe vielversprechende Namen. Den Beginn macht Rainer König in unnachahmlicher Art. Er findet eine "Faust"-Ausgabe, die wie vom Teufel platziert aufgeschlagen mitten auf der Bühne lauert spielt ein wenig vom Gelesenen und macht wenig später eine Schauspieltruppe mit seinem Fund vertraut, deren Direktor Tom Quaas entscheidet: Das müssen wir spielen. Es könnte fast die Vorgeschichte dieser gesamten Inszenierung sein, wundern würde sich kaum jemand. Aber auch als komplette Neu-Interpretation des "Vorspiels auf dem Theater" ginge der Auftakt wohl durch.

Von Beginn an ist Tempo auf der Bühne, aber keine Hast. Die Rollen sind ebenso gerastert wie in Goethes Klassiker. Doch es sind die manchmal krassen Unterschiede zum Text, die dem Abend seine Würze geben Mephisto (Alexander Neander) bekommt Gott (König) an die Seite, aus dem ursprünglich blassen Faust-Famulus Wagner macht Louis Terver ein witzig-quirliges Geschöpf das Schmetterlinge tanzen lässt, mit Büchern jongliert und Wert auf einen ordentlichen Seitenscheitel legt. Kati Grasse gibt die versoffene und mannstolle Marthe, an der sogar Mephisto leidet, und macht in bester Straßentheater-Tradition Ausflüge ins Publikum. Da bleibt klein Auge trocken. Gretchens Bruder Valentin (Renat Safiullin), der im Text nur einen Kurzauftritt hat, bekommt reichlich Bühnenpräsenz.

Wer keine Worte hat, braucht Bilder. Die werden von Quaas und seinem Co-Regisseur Lionel Menard reichlich geliefert, schaffen gar poetische Momente: So lässt Mephisto eine Szenerie entstehen. in der der gebrechliche Faust als Holzpuppe in einem Meer aus blutrotem Stoff entschwindet. Es ist der Vorgriff auf die unmittelbar folgende Blut-Unterschrift Faustens unter dem Pakt mit dem Teufel, es ist aber auch das Abdanken des alten Mannes, dem Mephisto kurz darauf zu neuer Jugend verhelfen wird.

Gegen Ende des rund zweieinhalbstündigen Stücks erstehen ebenfalls dichte Bilder: das Weglocken Fausts von Gretchen, als ihn Mephisto mit der Subtilität des Rattenfängers von Hameln langsam, aber unerbittlich seiner Liebsten entreißt Gretchens Abgang, der sowohl im Himmel als auch in der Hölle enden könnte, wie der als Monsignore gekleidete Mephisto impliziert, der sie wegführt; das Spiel Mephistos mit der Faust-Puppe im dunklen Bühnenhintergrund, während Faust (Wolfram von Bodecker) wie ein verzweifelter Hampelmann mit den Gliedern wackelt; eine Masse aus Körpern, die sich voneinander lösen und dem zweifelhaften Licht folgen, in das Gretchen schon schritt.

Das Geschehen erhält im zweiten Teil tragische Tiefe, im ersten darf sich der Klamauk etwas Zeit nehmen - für diese Art sommerliches Welttheater allemal passend. Die Tragik lässt auch die Mimen (das Wort war selten treffender) stärker agieren. Neanders Mephisto wird immer zwielichtiger, Bodeckers Faust verzweifelter. Katja Langnäse als Gretchen durchwandert alle Höhen und Tiefen, von zarter Verliebtheit über leisen Zweifel bis hin zur Gewissheit, das eigene Leben und das ihres Kindes zerstört zu haben. Auch wenn der Abend komödiantische Züge trägt, bleibt die Tragödie davon unberührt. Aber alles atmet Leichtigkeit, Regie und Darsteller haben eine seltene Symbiose gefunden.

Nicht zu unterschlagen ist beim Abend ohne Worte die Musik. Sie trägt vor allem den dramatischen zweiten Teil. Das Verkleiden von Gott in eine rothaarige Hexe wird von Klezmer angefeuert, die zum Sarg gewordene Bibel wird nach der bekannten Antwort auf die Gretchenfrage zu Trauermusik von der Bühne getragen, die Annäherung von Gretchen und Faust erhält schmachtenden Jazz zur Untermalung, Fausts Flucht mit Mephisto wird von Trommelwirbel wie bei einem Erschießungskommando begleitet. Dazu kommt ein feurig tanzendes Lieschen (Rebecca Jefferson), die ihre ganze Verachtung für das verstoßene Gretchen in ihre Körpersprache legt.

Es war wenig besser zu machen an diesem "Faust", der im Zusammengehen von Komödie und Tragödie fast Shakespearesche Dimensionen hatte. Die Pause zog sich etwas in die Länge, aber dafür entschädigte die laue Sommerluft im Großen Garten. Das Stück ist die gelungene Rückkehr Tom Quaas', auch wenn er eigentlich nie weg war. Diese Rückkehr musste etwas Großes in sich haben. Sie ist ihm, vor allem aber dem ausgezeichneten Ensemble, gelungen. Das Licht ging aus zum Schluss, der Beifall wurde zu Ovationen, Darstellung und Darsteller wurden gefeiert.

Doch ganz ehrlich, Eigentlich hätte es diese Zeilen nie geben dürfen. Ganz im Sinn des Stücks wäre eine pantomimische Rezension angemessen gewesen. Der Autor lässt sich aber wegen seines mangelnden Talents auf diesem Gebiet entschuldigen und begegnet seiner Aufgabe herkömmlich, mit Worten.


Mephisto und Faust verführen wortlos
Quelle: Dresdner Nachrichten, Dienstag, 30. Juni 2009, Text: Tomas Petzold, Bild: HL Böhme

Tom Quaas und seine neue Rolle als Theater-Zirkus-Direktor

Wortlos zu des Pudels KernEin "Faust" als Welturaufführung? Ja freilich, und noch dazu einer ganz ohne Worte! Eine Provokation, eine Verballhornung von Goethe oder die Rückkehr zum volkstümlichen Wandertheater? Im Ganzen nichts von alledem, aber im Detail sicher von allem ein bisschen. Im besten Fall großes Theater, dargestellt durch Pantomime, Tanz und Gesang. Die Lokalpresse in Leverkusen jedenfalls berichtete fast euphorisch, "Goethes Faust stumm: genial", titelte die Rheinische Post.

Der bekennende Dresdner Tom Quaas, der hinter alldem steckt, verneint allerdings den 1:1-Bezug zum wortgewaltigen Klassiker. Denn wenn er auch erklärt dass der Tragödie erster Teil gewissermaßen sein Textbuch war, ist es ja doch schier unmöglich, die Gedanken der Dichtung auf diesem Wege eindeutig mitzuteilen. Dass die Probe aufs Exempel tief im Westen stattfand, ergab sich wie auch das Zustandekommen des Projekts letztlich durch einen Unfall - vom Traum zum Trauma und zurück. Quaas war nach Leverkusen gereist, um seinen Brecht-Abend zu spielen, fiel aber statt dessen im Hotel von der Feuerleiter...(?!) Was ich nun einem Zeitungsausschnitt entnehme, der unser Gespräch nicht ablenken sollte. Jedenfalls hatte Quaas im Krankenhaus Zeit und öfter Besuch von dem Mann der Bayer-Kulturabteilung, der ihn eigentlich engagiert hatte und nun die beste Therapie-Idee, indem er versprach, bei der Verwirklichung des ihm anvertrauten Traums mitzuhelfen, des Traums von "einem pantomimischen Faust".

Der hat also mittlerweile, auf die geographische wie geistige Nähe Frankreichs anspielend, unter dem Titel "Faust sans paroles" seine Uraufführung erlebt. Dank vieler Förderer, zu denen außer Bayer auch Institutionen in Dresden zählen: Societaetstheater, Staatsschauspiel, Institut Français und Herkuleskeule. Dank des ungeheuren Elans von Quaas, der dafür u.a. den Pferdestall in seiner "Residenz" Schloss Batzdorf in eine Probebühne verwandelt hat für die Internationale Truppe, in der neben Franzosen und Deutschen auch ein Russe und ein Schweizer zu finden sind, zwei Pantomimen, fünf Clowns, eine Schauspielerin, eine Sängerin und eine Tänzerin. Eine vierköpfige Band sorgt für die musikalische Begleitung. Quaas hat die Gesamtregie und darüber hinaus auch die gemeinnützige GmbH Theaterzirkus Dresden gegründet, um mit diesem (und womöglich künftigen) Projekt(en) um die Welt zu reisen.

Dass dies noch eine andere Vorgeschichte hat als einen Leiter-Sturz, lässt sich ahnen. Tom Quaas ist ein Darsteller der betont körperlich, mit ausdrucksstarker Mimik und dabei sehr präzise arbeiten kann; wer seinen Kreisler-Abend "Tauben vergiften" gesehen hat, wird dem wohl spontan zustimmen. Gibt es ein Geheimnis, das dem Mimen Erfolg verheißt? Quaas ist davon überzeugt - der "Faust" eine Probe aufs Exempel und zugleich ein Stück auf einem langen Weg, auf dem mancher nie ankommt.

Der Taubenvergifter ist im Grunde ein Schwarzer Clown, wer sein Handwerk beherrscht, kann ihn perfekt vorführen, aber die Rolle ist damit nicht fertig. Was ist das für eine Figur, die er da vorführt, was hat sie mit ihm selbst zu tun? Er selbst ist noch dabei, das herauszufinden. "Es wird nicht langweilig, sondern immer genauer", ist er überzeugt, und das bedeutet mehr als ein Feilen am Detail. "Ich kann mich gut verstelle", weiß Quaas seit langem, aber gelernt hat er auch, dass dies nicht unbedingt zum Ziel führt. Schuld an dieser Einsicht war u.a. die Begegnung mit dem Weißen Dresdner Clown - Rainer König. Sie brachte ihn auf die Idee, noch einmal zu studieren, nämlich für zwei Jahre Clownerie in Paris. Für den Franzosen, erklärt Quaas, ist der Clown der Kern des Darstellers, so etwas wie seine kindliche Seele, und finden muss er sie selbst, in einem Prozess, der aller Erfahrung nach Jahre dauert. Erst wenn er den Clown in sich gefunden hat, kann der Schauspieler seine Zuschauer in tiefster Seele rühren...

"Ich erfuhr dort eine ganz neue Kritik", gesteht Quaas. "Wenn ich mir etwas ausdenke, auf den größten Konflikt hin arbeite, dann sagen sie, dass ich nicht bei mir bin." Das lässt unwillkürlich an die großen alten DDR-Schauspieler denken, wie etwa Kurt Böwe einer war: jede Rolle ganz unforciert aus sich selbst heraus gestaltend, sich die Figur gleichsam so anverwandelnd ohne sich selbst zu verleugnen oder bloß eine perfekte Schablone abzuliefern. Aber ist das nicht vielleicht auch ein Generationsproblem? Als Böwe so alt war wie jetzt Quaas mit seiner immer noch jungen Ausstrahlung, da war er doch längst ein auf den ersten Blick reifer Darsteller... Nein, auch Böwe hat mit vierzig noch gekämpft und gerudert, meint Quaas und spricht gleich wieder kritisch von sich selbst, "Früher dachte ich, dass ich Dinge ziehen muss durch die Energie, die ich habe, aber jetzt spüre ich. sie kommt von allen Seiten." Zumal in einem Ensemble, in dem jeder ein Solist ist und er nicht der Mittelpunkt.

Da stehen logisch Faust und Mephisto, in diesem Fall Wolfram von Bodecker und Alexander Neander, beide Meisterschüler von Marcel Marceau, die Quaas auch für folgende Projekte für unverzichtbar hält. Sicher wird es sehr reizvoll, sie zusammen mit französischen Clowns zu erleben und daneben weitere Mimen, die der Dresdner bestens kennt: Kati Grasse, Katja Langnäse, Renat Safiullin und eben Rainer König. Tom Quaas ist der Theaterdirektor.

"Wer den Faust gelesen hat. erkennt alle Szenen wieder, wer nicht, erlebt eine ganz eigene Geschichte", meint er und stützt das durch die Erfahrung der Gespräche mit jungem Publikum in Leverkusen. Dass die Uraufführung entgegen der ursprünglichen Planung dort stattgefunden hat, ist ihm im Nachhinein nur recht. Denn so eine Art Laborsituation wie bei diesem allerersten Auftritt hätte er vor seinem Publikum in Dresden ein bisschen gefürchtet. Einen nur halben Erfolg kann er sich bei einem solch aufwändigen Vorhaben nicht leisten. "Anspruchsvoll" dazu zu sagen, wäre zwiespältig, denn wenn auch die Spielweise "etwas ungewohnt" erscheinen wird - der "Faust ohne Worte" ist mit seiner reichen Ausstattung und, wie Szenenfotos zeigen, üppigen Bildhaftigkeit wohl gerade auch als Angebot für junge Zuschauer (ab 10) geeignet, die damit ganz unbefangen umgehen dürften.

Dass Quaas auch für die "Großen" wieder mit schönerer Regelmäßigkeit spielen wird, ist kein Gerücht. Zwei bis drei große Rollen pro Spielzeit am Staatsschauspiel sind vereinbart, und dem neuen Intendanten Wilfried Schulz hat er versprochen, ihm zuerst jede neue Idee für einen Soloabend vorzustellen. Nicht etwa weil er dem Theaterkahn untreu werden will, aber die große Bühne hat für ihn einfach erste Priorität. Der Theaterzirkus und im Wechsel dazu die Pfingstfestspiele in Batzdorf sind für ihn der sommerliche Ausgleich, den er sich als eingestandener Workaholic leistet. Denn der ständige Wechsel hält frisch und weckt neue Ideen...


Guter Mime zum alten Spiel: Großer Auftritt für Tom Quaas
Quelle: Morgenpost, Montag, 6. Juli 2009, Text: Katrin Koch, Bilder: Ove Landgraf

Guter Mime zum alten Spiel: Großer Auftritt für Tom Quaas

Guter Mime zum alten Spiel: Großer Auftritt für Tom QuaasBravo & Applaus: Für Schauspieler Tom Quaas hebt sich ein neuer Vorhang. Nach seinem brachialen Männergestalteten am Schauspielhaus hat er die Poesie für sich entdeckt. Erst mit einem grandiosen Zettel im "Sommernachtstraum". Nun holt er seine Leidenschaft für ausdrucksvolle Körpersprache mit einer eigenen Inszenierung auf die Bühne. Am Freitag feierte die Pantomime "Faust ohne Worte" im Palais im Großen Garten Premiere.

Quaas hat Goethes Klassiker vom Wort befreit: "Wir haben des Dichters schönstes, aber nicht einziges Mittel beiseite gelegt, um dahinter zu gelangen. Es ist eine Reise hinter den Text, ein Vorstoß zu des Pudels Kern."

Dafür bedarf es der Inspiration: Die hat Quaas in Frankreich genossen. Ein Jahr studierte der Mime an der Clownsschule "Centre National des Artes du Cirque".

Dafür bedarf es hervorragender Mimen: Die fand Quaas in den beiden Meisterschülern des weltberühmten Pantomimen Marcel Marceau (1923-2007): Alexander Neander (Mephisto) und Wolfram von Bodecker (Faust). Neander brilliert als züngelnder Verführer, dem mitnichten alles gelingt.

Als sein Pendant setzt sich Reiner König den göttlichen Heiligenschein auf. Katja Langnäse, die 2007 nach Zürich zog, feiert mit dem Gretchen ihr Wiedersehen in und mit Dresden. Kati Grasse torkelt gekonnt als Marthe über die Bühne...

Dem ganzen steht Tom Quaas als Theaterdirektor vor. Ein einfacher Trick: Hier wird Theater im Theater gespielt - die Wucht der klassischen Tragödie mit Clownerie, Tanz und Jonglage erleichtert. Die Musik - so charmant wie alte Jahrmarktattraktionen, kombiniert von Michael Kaden - verheißt das kleine Glück. Es muss nicht das allumfassende Wissen sein, nach dem Faust trachtet. Wein, Brot und Käse können auch seelig machen. Wie auch das Sommertheater "Faust ohne Worte".


Wortlos zu des Pudels Kern
Quelle: Sächsische Zeitung, Montag, 6. Juli 2009, Text: Valeria Heintges, Bilder: HL Böhme

Der Dresdner Tom Quaas macht im Palais im Großen Garten Goethes "Faust" mit Ideen und Poesie zum Spektakel.

Wortlos zu des Pudels KernDa steht es ganz allein im Rampenlicht auf der leeren Bühne, das gelb-blaue Buch, das Wort "Faust" prangt auf der Vorderseite, die Rückseite schmückt ein Christen-Kreuz. So viele intelligente Worte stehen darin, aber kein einziges wird an diesem Freitagabend gesprochen werden. Denn die internationale Truppe des Theaterzirkus hat sich unter der Leitung von Tom Quaas vorgenommen, Goethes Meisterwerk, erster Teil, wort- und sprachlos auf die Bühne im Palais im Großen Garten Dresden zu bringen. Dafür greifen sie tief in die Trickkiste des Theaters, mixen Schauspieler, Pantomimen, Clowns, Sänger, Tänzer und Musiker, auch eine Faust-Puppe, die Ähnlichkeiten mit Altmeister Goethe hat, erscheint aus dem schwarzen Vorhang.

Auf der Suche nach "des Pudels Kern" fand Quaas vor allem das Motiv des Buches. Und so beherrschen Bücher in jeder Größe das Bühnenbild von Tilo Schiemenz, werden zum Thron für Gott, zur Bibliothek für Faust, aber auch zum Kreuz, zur Kirche, zum Sarg, zum Kerker. In Auerbachs Keller fliegen die Bücher im hohen Bogen; der Schüler lernt von Mephisto, wie schön es ist, Seiten aus Folianten zu reißen, und in der Walpurgisnacht baden die Hexen in herausgezupften Blättern. Das Motiv verblüfft mit seinen vielen Varianten, wie viele ausgefallene Ideen dieser Inszenierung. Ein Schmetterling kann so durch sein aufgeregtes Flattern die Liebe zweier Menschen zeigen, aber er kann eben auch verfolgt, erschlagen und vergiftet werden von denen, die von dieser Liebe nichts halten. Und ein Tuch unterm Kleid kann eine Schauspielerin zur Schwangeren machen, auf die Welt gebracht ihr aber auch fesselnd um die Hände gebunden werden.

Der Abend reduziert Goethes Werk zwangsläufig auf die Handlung und beweist auch - falls es dieses Beweises noch bedurft hätte -, dass der gute Faust ein arger Kopfmensch und weniger einer der Tat ist. Meist aber geht das Wagnis auf, kann die wortlose Variante eine Gefühlswelt, die unter den Wörtern zu ersticken droht, sichtbar machen. Auch weil die Spieler in jeder Minute ihre ungebrochene Spielfreude zeigen und viele Meister ihres Faches sind.

Kein Mucks und doch beredt

Die Pantomimen Alexander Neander und Wolfram von Bodecker als Mephisto und Faust lassen durch ihr facettenreiches Spiel vergessen, dass sie keinen einzigen Mucks von sich geben, Tim Schreiber als quirliger Schüler und Louis Trever als pedantisch-tolpatschiger Wagner sind eine Augenweide, Rainer König ist himmlisch als Gott. Kati Grasse macht aus ihrem Auftritt als dicke, betrunkene Marthe ein Kabinettstückchen. Katja Langnäse spielt fein das wollüstige Gretchen und bleibt aber danach arg blass. Das Publikum war begeistert.